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Das Chaos der Katastrophe und die Ordnung der Kompromisse Zwei Konstrukteure der Republik: Renner und Fink von Michael Rosecker Als die Habsburgermonarchie in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs tatsächlich zu Grunde ging, kam dieser so oft vorhergesagte Untergang scheinbar doch überraschend. Die letzten Legitimationen und Bande des alten Reichs zerfielen durch das sinnlose Sterben an der Front und das Drangsalieren der Bevölkerung an der „Heimatfront“ durch eine drakonische Verwaltung und mangelhafte Mangelwirtschaft. Hinzu kamen spürbare Überforderung und enden wollende politische Weisheit der Herrschenden. Die Menschen und das politische System der Monarchie waren erschöpft. Im Chaos des Untergangs hatten alle Völker des Reichs für den Fall der Fälle halbwegs klare Zukunfts- pläne: die Gründung „ihrer“ unabhängigen Nationalstaaten. Nur die deutschsprachigen Österreicher konnten sich des Gefühls des Übrig- gebliebenseins nicht erwehren. Alle Versuche das alte Reich als Bundesstaat oder zumindest den gemeinsamen Wirtschaftsraum zu retten, scheiterten. Die Ausrufung der Republik Deutschösterreich erschien als letzte Klugheit. So stand an der Wiege der Republik kein breitgetragener Gründungsmythos, sondern bittere Not, unterschiedliche Gefühle der Enttäuschung und der allgemeine Eindruck lediglich eine Art Restpostenverwaltung für einen Übergang zu sein. Für all das steht das Gründungsdokument der Republik selbst. Wo sonst wurde bei solch einer Ausrufung in Paragraf 1 der Staat gegründet und in Paragraf 2 bereits wieder aufgelöst: „Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.“ Die Träger dieser politischen Transformation waren bezeichnenderweise die (deutschsprachigen) Mitglieder des 1911 gewählten Abgeordnetenhauses des österreichischen Reichsrats. Eine Institution der Monarchie, die ihre Vielfalt, aber auch ihre Unfertigkeit und Lähmung trefflich repräsentierte, wurde zur Geburtenanstalt der Republik. In der österreichischen „Revolution“ steckte somit viel österreichische Kontinuität. Die handelnden Personen des republikanischen Umbruchs waren typisch (alt)österreichische Gestalten. Einige preschten aus Überzeugung nach vorne, um revolutionieren zu können, andere reformierten nur, um noch „Schlimmeres" zu vermeiden. So war die Gründungsphase der Republik eine Zeit von Politikern des politischen Kompromisses und der Kooperation. Allen voran federführend Karl Renner. Dieser deutschsprachige Südmährer, austromarxistische Denker, sozialdemokratische Politiker und kaiserliche Beamte zerbrach sich bis in den Oktober 1918 hinein den habsburgischen Kopf, wie durch Demokratisierung und Verwaltungsreform denn das multinationale Österreich zu retten sei. Gerade er wurde dann die ordnende und treibende Kraft der Republiks- gründung. Gesetze und Verfassungsentwürfe schreibend, mit den Siegermächten verhandelnd und zwischen den Parteien Ausgleich suchend brachte er Struktur in das Chaos. Er strebte danach aus dem Zusammenbruch zunächst einen friedlichen Umbruch und schließlich doch noch einen Aufbruch zu machen. Für seine zielstrebige Beharrlichkeit bewundert und für seinen pragmatischen Realismus attackiert, stand Renner wie wenige andere für diese junge Republik. Als ihr erster Staatskanzler verkörperte er ihre inneren Widersprüche und ihre zersplitterte Identität, aber auch ihre fortschrittlichen Leistungen und großen Ideen. So trat er zwar wie (fast) alle für den „Anschluss“ an die deutsche Republik ein und nannte das junge Gemeinwesen eine „Zwergwirtschaft“. Dennoch schrieb er dieser jungen Republik in republikanisch- demokratischem Geiste und mit beamtetem Berufsethos den Text für eine pathetische Bundeshymne und meinte schließlich mit dem Brustton der Überzeugung: „Unser Staatswesen [sei] zu nehmen, wie es ist, und ihm [sei] liebend zu dienen.“ Eine weitere Gestalt dieser kompromissbereiten Anfangsphase war der Vorarlberger Bauer und Christlichsoziale Jodok Fink. Bereits 1897 wurde er Mitglied des Abgeordnetenhauses und überzeugter Demokrat. Dieser an Kompromiss und Ausgleich orientierte konservative Bauernsohn aus Vorarlberg ergänzte sich gut mit Karl Renner, dem sozialdemokratischen Bauernsohn aus Südmähren. Das Vertrauen ging so weit, dass Vizekanzler Fink die Staatsagenden in Wien wahrnahm, während Staatskanzler Renner von Mai bis September 1919 die Friedensverhandlungen in Saint Germain führte. Er trat auch gegen die Vereinigung Vorarlbergs mit der Schweiz auf. Seine politische Grundorientierung in Bezug auf die junge Republik artikulierte er auf dem christlichsozialen Parteitag im Februar 1920, nachdem er als Großkoalitionär von Parteifreunden scharf kritisiert wurde, folgendermaßen: „Höher aber als die Parteipolitik musste uns stehen, Volk und Staat vor größerem Unglück zu bewahren und den Versuch zu machen, sie aus dem Elend herauszuführen.“ Die Zeit der Kompromissbereitschaft und -fähigkeit ging mit dem einstimmigen Beschluss der Verfassung der Republik am 1. Oktober 1920 zu Ende. Die karge Basis des Kompromisses und Gemeinsamen der politischen Lager begann zu erodieren und die Konflikte verschärften sich stetig. Die Zeit in der ersten Reihe der Politik war nun auch für Karl Renner und Jodok Fink vorbei, beide schieden aus der Regierung aus und das Schicksal der Ersten Republik nahm kompromisslos seinen Lauf.
            Jodok Fink      (Foto Helmut Klapper, Vorarlberger Landesbibliothek)
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